Informieren Sie sich ausführlich über die Kleist-Doppelausstellung in Berlin und Frankfurt (Oder).
Am 13. November 1911 erscheint im Berliner Tageblatt ein Artikel zu Kleists 100. Todestag, in dem der Publizist Fritz Engel dazu aufruft, eine Kleist-Stiftung zu gründen und im Gedenken an den unglücklichen Dichter einen Preis zu verleihen, der jungen deutschen Autoren die Anerkennung verschafft, die Kleist zeit seines Lebens versagt blieb. Den Aufruf unterzeichnen u.a. Otto Brahm, Paul Cassirer, Samuel Fischer, Walter Rathenau, Max Reinhardt und Arthur Schnitzler. Fast kaufmännisch-nüchtern wird der Preis definiert als notwendige Investition in den zukünftigen kulturellen Reichtum der Gesellschaft. Er ist kein Preis für Arrivierte, verlangt wird nur die „Bürgschaft eines bedeutenden Könnens“. Der erste Förderpreis für Literatur wird so in Deutschland begründet, der erfolgreichste allemal, bedenkt man die Namen der Preisträger von Oskar Loerke über Bertolt Brecht und Robert Musil bis zu Anna Seghers oder Else Lasker-Schüler. In der Berufung auf Kleist, den auf die Empirie verpflichteten Skeptiker, der so radikal mit der Tradition bürgerlich-idealistischer Kunst gebrochen hatte, verschafft sich die Moderne selbst eine Tradition. Der Kleist-Preis gilt als der bedeutendste Literaturpreis der Weimarer Republik.
Seine Existenz verdankt er in der Hauptsache deutschen Juden, in ideeller wie auch in materieller Hinsicht, denn die Fördergelder stammen zum Großteil vom S. Fischer-Verlag. 1933 löste sich die Kleist-Stiftung auf, damit die Nazis sich nicht des Kleist-Preises bemächtigen konnten, der Preis nicht an Unwürdige fiel. Der gute Name des Preises bleibt so bewahrt. 1985 wurde der Kleist-Preis durch die Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft wiederbegründet und dabei behielt man die demokratische Verleihpraxis bei, die Richard Dehmel im Untertanenstaat Kaiser Wilhelm II. erfand. Eine Jury aus sieben Personen übergibt eine Kandidatenliste einer von ihr gewählten Vertrauensperson, die darüber entscheiden kann, ob sie einen der Vorgeschlagenen auswählt oder einen anderen Autor zum Preisträger bestimmt. Keine Societät entscheidet hier, sondern ein einzelner, nach reiflicher Überlegung, in individueller Verantwortung und mit prognostischem Mut. Die in Literaturpreis-Gremien oft beklagenswerte Dauerherrschaft von Kritikerpäpsten wird so verhindert. Die Vertrauenspersonen wechseln jährlich und damit auch die ästhetischen und ideologischen Präferenzen. Der Preis ist derzeit mit 20.000 Euro dotiert, die Sponsoren sind die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck und der Bund bzw. die Länder Berlin und Brandenburg. Der Preis wird jährlich vergeben, zu Kleists Todestag im November im Berliner Ensemble. Er wird nicht mehr als ‚Jugendpreis’ definiert, soll aber auch kein Preis für ein Lebenswerk sein, sondern – seiner Weimarer Tradition gemäß – ein Preis für risikofreudige Schriftsteller, die wie Kleist als Vordenker für die Zukunft gelten können. Den Kleist-Preis erhielten seit 1985 u.a. Alexander Kluge, Thomas Brasch, Heiner Müller, Ernst Jandl, Martin Mosebach, Emine Sevgi Özdamar, Gert Jonke, Daniel Kehlmann, Wilhelm Genazino, Max Goldt und Arnold Stadler.
Vertrauenspersonen der Jury in den letzten Jahren waren u.a. Lars Gustafsson, Michael Naumann, Brigitte Kronauer, Luc Bondy, Andrea Breth, Jürgen Flimm, Hermann Beil, Uwe Wittstock, Daniel Kehlmann.
Der Jury gehören derzeit an: Jens Bisky, Günter Blamberger, Michael Maar, Michael Merschmeier, Sigrid Weigel, Uwe Wittstock, N.N.
Weiterführende Literatur:
∙ Höpker-Herberg, Elisabeth: Noch einmal: Richard Dehmel und der Kleist-Preis 1912. Materialien aus dem Dehmel-Archiv. In: KJb (1986), 179-199.
∙ Kreutzer, Hans Joachim: Der Kleist-Preis 1912-1932-1985. Rede zu seiner Wiederbegründung. In: KJb (1986), 11-18.
∙ Sembdner, Helmut (Hg.): Der Kleist-Preis 1912-1932. Eine Dokumentation (mit einem Geleitwort von Walter Müller-Seidel). Berlin 1968.
∙ KJb 1986 ff. [Fortlaufende Dokumentation der Verleihungen des Kleist-Preises seit 1985, Abdruck der Reden des Preisträgers, der Vertrauensperson, des Präsidenten der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft]
∙ www.heinrich-von-kleist-gesellschaft.de
(Text: Günter Blamberger. Stand 2009)