Ausstellungsdramaturgie

Die Kulturstiftung des Bundes fördert als eines der Hauptereignisse des Kleist-Jahres die Ausstellung Kleist: Krise und Experiment, die an zwei korrespondierenden Standorten im Ephraim-Palais | Stadtmuseum Berlin und im Kleist-Museum, Frankfurt (Oder) stattfindet.

Kleists Texte, vor allem seine Briefe, führen leitmotivisch durch die Ausstellung, die Leben, Werk und Persönlichkeit des Literaten aufbereitet und erzählt. Historische Dokumente und Artefakte sowie eine bühnenartige Inszenierung werden genutzt, um gleichzeitig die Nähe Kleists zu heutigen Lebenswelten zu vermitteln.

Foto: Ali Ghandtschi

Jeder Raum, sowohl in Berlin als auch in Frankfurt (Oder), nutzt in der Regel fünf Bausteine einer Erzählstrategie zur Komposition eines Themas:

Erstens: Ein Raumtext, der das Thema umreißt.

Zweitens: Die Objektebene, die u. a. Autografen aus Kleists Hand, Abschriften aus Kleists Zeit, Erstausgaben, Schriften und Dokumente von Zeitgenossen vorstellt.

Drittens: Ein eng mit der Objektpräsentation verbundenes Angebot einer Kleistiana-Mappe, die Kleists Briefe im Faksimile und eine zeilengenaue Transkription zum Durchblättern bereithält.

Viertens: Jedes Diskursexperiment wird in einem Raumbild aufgeführt, einer Bühne, die im Kontrast zum strengen Exponatarrangements in den Vitrinen freie Ausdrucksformen der Raumbildung und der Medieninszenierung sucht. Diese Inszenierungen schlagen häufig eine Brücke in gegenwärtige Lebens- und Medienwelten und spannen den Bogen von Kleists Umbruchs- und Krisenzeit zu unserer heutigen Krisen- und Risikogesellschaft.

Auf der Ebene der Raumbilder variieren die Erzähltechniken beider Ausstellungsteile in einem breiten Spektrum zwischen Reportagefotografien und Nachrichtenmedien, Filmzitaten und eingefrorenen Theaterkulissen und Videoinstallationen. Die Ausstellungs- und Vitrinenarchitektur berücksichtig die strengen konservatorischen Anforderungen der historischen Objekte, zeigt sich äußerlich jedoch als zusammengezimmertes Lattenwerk wie in einer Theaterwertstatt oder einem Künstleratelier, sie demonstrieren einen temporären, schnell veränderlichen Charakter, das Vorläufige und Unfertige aus der Werkstatt eines Projektemachers.

Fünftens: Begleitet wird die gesamte Ausstellung von einem Audio-Guide, einer akustischen Führung, die ausschließlich aus Collagen von Kleists Briefen und Texten besteht.

Die Dramaturgie folgt der Architektur - der Berliner Ausstellungsteil

Foto: Ali Ghandtschi

Das Ephraim-Palais des Stadtmuseums Berlin präsentiert sich auf drei Etagen mit 21 Themenräume. Dabei fungieren die drei architektonisch übereinander liegenden ovalen Säle, welche die Etagen jeweils in beide Richtungen erschließen, als zentrale Orientierungsräume für den inhaltlichen Gesamtkomplex. Hier werden die Katastrophen und Traumata in Kleists Leben dargestellt, von hier aus entfalten sich biografische, werkbezogene und kulturgeschichtliche Einzelaspekte.

1. Etage: Kleists Trauma der Militärzeit als Kindersoldat
2. Etage: Preußens Katastrophe – Jena und Auerstedt 1806
3. Etage: Ökonomie des Opfers: Kleists Selbsttötung

Diese drei Katastrophenräume bilden die vertikale Statik der Ausstellung, die Raumabwicklung auf den drei Etagen nimmt in der horizontalen Logik der Besucherführung Bezüge und Konsequenzen des jeweiligen Zentralraums in den Blick. Während in der 1. Etage der Ausbruch aus Militär und Krieg durch verschiedene Glücks- und Selbstfindungsstrategien dargestellt wird (Studium und Wissenschaft, Liebe und Freundschaft, Reise und Auswanderung), fokussiert die 2. Etage die Verarbeitung der Niederlage Preußens gegen Napoleon (patriotische Phantasien, Katastrophen als literarisches Thema, Überlebenskampf mit Literatur und Publizistik). In der 3. Etage wird die Todesinszenierung von Kleist und Henriette Vogel in das Gedächtnis literarischer Selbstmörder der vergangenen zweihundert Jahre eingebettet. Die sich daran anknüpfende Rezeptionsgeschichte steht unter dem Aspekt "Jahrestage 1911/2011".

Frankfurter Ausstellung


Komplementär zum Berliner Ausstellungsteil widmet sich die Ausstellung im Kleist-Museum in fünf Räumen Kleists körperlichen und sozialen Identitäten. Vorgestellt werden sein nicht fassbares Körperbild, seine symbiotische Beziehung zu seiner Halbschwester Ulrike, die ineinandergreifenden Netzwerke, die er in seinem Leben aufbaute, seine Stellung als Geschäftsmann auf dem Literaturmarkt sowie sein Umgang mit Geld. In einer Rauminszenierung beschäftigt sich das letzte Modul im Kleist-Museum mit Kleists medialer Identität, seiner Schreibtechnik und der Typografie.

Foto: Ali Ghandtschi

Raum 1: "Gehört das Bild mir, das der Spiegel strahlt" - Kleists Bild

Raum 2: "Deiner Freundschaft nicht würdig" - Kleist als Bruder

Raum 3: "Und eile in deine Arme" - Kleist als Freund

Raum 4: "Meine Casse ist leer" - Kleist und das Geld

Raum 5: "Eine Tragödie [...] von der Brust heruntergehustet" - Kleists Schreiben


Ausstellungskatalog

Die Erzähldramaturgie der Ausstellungen wird unterstützt von einem 288 Seiten umfassenden Katalog, der mit zahlreichen Abbildungen im Kerber Verlag, Leipzig erschienen ist. 

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Gefördert durch die

Kulturstiftung