Gabriella Gönczy
Leiterin des Gragger-Instituts am Collegium Hungaricum
Berlin (CHB)


1. Wann und wie ist Ihnen Heinrich von Kleist zum ersten Mal begegnet?
Vor zwanzig Jahren an der Uni in Budapest: ich war zufällig die einzige
unter den Studenten, der „Michael Kohlhaas“ im Original gelesen hatte.
Über Kleists einzigartige Sprache haben wir Stunden lang lebhaft
diskutiert. Unser Professor, der inzwischen auch in Deutschland bekannte
Kunsttheoretiker und Essayist László Földényi, gab später eine
wunderbare Kleist-Gesamtausgabe mit vielen Neuübersetzungen heraus, die eine sensationelle Kleist-Renaissance in Ungarn auslöste. Kleist ist
seitdem ein Star in Ungarn, seine Texte werden wie zeitgenössische
Literatur gelesen. Im Kleist-Jahr 2011 wird das CHB in Zusammenarbeit
mit dem Maxim-Gorki-Theater und anderen hochkarätigen Partnern diesen „ungarischen Kleist“ zum ersten Mal in Deutschland vorstellen.

2. Was schätzen Sie besonders an ihm?
Seine die Postavantgarde vorweg nehmenden Experimente und Projekte.

3. Gibt es etwas bei Kleist, das Sie ärgert oder das Ihnen gar nicht gefällt?
Dass Liebesbeziehungen nur als hierarchische Machtkonstellationen
möglich sind.

4. Angenommen, Sie hätten einen Tag mit Kleist in unserer Gegenwart – was würden Sie gemeinsam unternehmen?
Zweihundert Jahre vor unserer Zeit hat er Vieles vorweggenommen, was
unsere Gegenwart prägt, z.B. er entwickelte in seinem literarischen Werk
netzartige Strukturen, wie das Internet. An einigen konkreten Beispielen
würde ich gerne mit ihm diskutieren, wie das World Wide Web unsere Welt
gerade verändert.

5. Worüber würden Sie gerne mit Kleist sprechen?
Über die neuesten Ergebnisse der Gehirnforschung.

6. Welche Figur aus seinem Werk steht Ihnen besonders nah und warum?
Alkmene, weil sie - als eine der wenigen Frauenfiguren von Kleist -
nicht ermordet, verprügelt oder vergewaltigt wird.

7. Als Zeitgenosse von Kleist - hätten Sie den Selbstmord verhindern wollen? Wie?
Ich glaube, dass sein Selbstmord nicht hätte verhindert werden können.
Trotzdem würde ich eine japanische Kleist-Gesamtausgabe in die
Zeitmaschine packen: er würde sich bestimmt darüber freuen, heute
weltweit als Klassiker gefeiert zu werden. Ich würde auch versuchen, ihm
einen guten Arzt und einen Job zu besorgen.

8. Was ist Ihrer Meinung nach die passende „Einsteiger-Lektüre“ für Kleist-Neulinge?
Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik.

9. Was können wir von Kleist lernen?
Den Mut, alles in Frage zu stellen und den daraus resultierenden
Schwindelzustand auszuhalten.

10. Wären Sie gern mit Kleist befreundet, wenn er noch lebte?
Wenn ich seine Briefe lese, denke ich oft, dass er vermutlich ein
unausstehlicher Mensch gewesen sein. Ein Genie eben.

11. Das stärkste Zitat von oder über Kleist?
„Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten, so würden sie
urteilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, sind
grün - und nie würden sie entscheiden können, ob ihr Auge ihnen die
Dinge zeigt, wie sie sind, oder ob es nicht etwas zu ihnen hinzutut, was
nicht ihnen, sondern dem Auge gehört. So ist es mit dem Verstande. Wir
können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft
Wahrheit ist, oder ob es uns nur so scheint. Ist das letzte, so ist die
Wahrheit, die wir hier sammeln, nach dem Tode nicht mehr - und alles
Bestreben, ein Eigentum sich zu erwerben, das uns auch in das Grab
folgt, ist vergeblich - „
(An Wilhelmine von Zenge am 22. März 1801)