Penthesilea und ihre Schwestern

Wie wäre es, wenn Wirklichkeit und Fiktion sich begegneten, wenn Wilhelmine, Ulrike und Henriette auf Alkmene, Penthesilea und Käthchen träfen? Wenn die sterblichen Damen den Damen ihr Leid klagten, die Kleist unsterblich gemacht hat – und umgekehrt? Selbstverständlich würden alle Kleist zitieren.

Wilhelmine, die verlassene Verlobte Kleists, erzählt von seinem Bekenntnis, dass er jedes Mädchen „formen u ausbilden“ müsse, zurechtschnitzen wie das „Mundstück an meiner Clarinette“, bis es „in jeden Einschnitt meines Mundes passte“. In diesem Glauben hat sie ihren Verlobten gelassen, was leicht fiel, weil er stets auf Reisen war, so dass sie sich selbst für einen Anderen, Verlässlicheren heranbilden konnte, den sie mehr liebte als den sonderbaren Kleist: den Philosophieprofessor Krug, Kants Nachfolger auf dem Königsberger Lehrstuhl.

Ulrike, Kleists Schwester, verweist stolz darauf, dass Kleist sie als „eine Heldenseele in einem Weiberkörper“ porträtiert habe. Ja, sie habe ihren Bruder ein Leben lang finanziert und beschützt, als wäre sie der Mann und er das Weib, sie habe ihr eigenes Leben frei und selbstbestimmt geführt, nicht geheiratet und ein Mädchenpensionat geleitet. Zornig sei sie nur gewesen über den Schuldvorwurf des Bruders an die Familie vor seinem Freitod, der sie bis an ihr Lebensende belastet habe.

Henriette, Kleists todkranke Gefährtin im Tode, kontert mit Spott und macht alle Kleist-Damen eifersüchtig machen, indem sie ihnen schildert, wie viel leichter und vergnügter es sich mit Kleist sterben statt leben ließ. Sie habe Kleists Geheimnis begriffen, dass das Leben „das einzige Eigenthum“ sei, „das nur dann etwas werth ist, wenn wir es nicht achten.“

„Ach“, würde darauf Alkmene antworten, die betrogene Gattin Ampitryons in der gleichnamigen Tragikomödie Kleists, was sonst? Kleist sei ein Meister in der Kunst des Vortäuschens von Geheimnissen. Keine Frau könne einen Mann erkennen und kein Mann eine Frau. Man müsste den Menschen schon „das Herz aus dem Leib reißen“ oder das Gehirn, um allen Täuschungen und Enttäuschungen zu entgehen.

Penthesilea, die berüchtigte Königin der Amazonen, bestätigt dies schmerzlich. Man könne nicht „entscheiden“, „ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist, oder ob es uns nur so scheint“. Sie selbst könne „ihre Seele nicht berechnen“, und Achill habe es auch nicht vermocht. Den habe sie erst begriffen, als sie sein Herz und Hirn sich wortwörtlich einverleibt, „Küsse, Bisse“ miteinander verwechselt habe.

Käthchen, die uneheliche Kaiserstochter aus Kleists Ritterspiel „Das Käthchen von Heilbronn“, antwortet vermutlich darauf, dass man sich nicht gleich fressen müsse, um sich zu verstehen. Vielmehr sollte man das Berechnen menschlicher Seelen aufgeben und sich einem Cherubim anvertrauen, der einem den richtigen Partner mit traumwandlerischer Sicherheit zuführe.

Das brächte schließlich alle Kleist-Damen zum Lachen, und wie im Traum sprächen sie weiter in Kleist-Zitaten.

(Günter Blamberger)