Prof. Justus Fetscher
Universität Mannheim
Seminar für Deutsche Philologie
Lehrstuhl für Neuere Germanistik I
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1. Wann und wie ist Ihnen Heinrich von Kleist zum ersten Mal begegnet?
Vielleicht 14-jährig in der schriftlichen Aufzeichnung einer Diskussion „Was ist Gerechtigkeit“, die schnell zu einem Gespräch über Michael Kohlhaas mutierte. Das sei der kanonische deutsche Text zum Thema.

2. Was schätzen Sie besonders an ihm?

Die Intensität, die Raffinesse, das Leuchtende und X-Dimensionale seiner Literatur. Den Schrift- als Fallensteller. Dass es bei Kleist keine Nebentexte gibt (Gerhard Neumann).

3. Gibt es etwas bei Kleist, das Sie ärgert oder das Ihnen gar nicht gefällt?

Das Insinuierend-Gehässige, Hinterhältige, Ranküne-hafte. Das Vexatorische der Verstrickungen, in die er Wilhelmine v. Zenge brieflich zu ziehen suchte. Den nicht-nur-spielerischen Fanatismus seiner zeithistorischen Interventionsversuche in den Jahren 1808-1811. Ob es mir gar nicht gefällt? Ich hüte mich.

4. Angenommen, Sie hätten einen Tag mit Kleist in unserer Gegenwart – was würden Sie gemeinsam unternehmen?
Ihm zuhören, auch beim Klarinette-Spielen. Mit ihm in eine Gemäldegalerie gehen. Abends Theaterbesuch. Nähe zu Feuerwaffen meiden.

5. Worüber würden Sie gerne mit Kleist sprechen?

Musik (Bach, Haydn, Mozart, Händels Opern); Landschaften (Fluss- und gemalte und imaginierte Landschaften); Bücher (Die Leiden des jungen Werthers); Personen (Ch. M. Wieland, J. W. Goethe, Ch. E. Wünsch).

6. Welche Figur aus seinem Werk steht Ihnen besonders nah und warum?
Sosias (Amphitryon), Prothoe (Penthesilea). Warum? steht in den Stücken.

7. Als Zeitgenosse von Kleist - hätten Sie den Selbstmord verhindern wollen? Wie?

Ja. Wie? Ihm einreden, dass er Goethe und Napoleon überleben und Ruhm zu Lebzeiten haben kann.

8. Was ist Ihrer Meinung nach die passende „Einsteiger-Lektüre“ für Kleist-Neulinge?
„Der Griffel Gottes“; Phöbus-Epigramm: „Das Sprachversehen“.

9. Was können wir von Kleist lernen?

Wie intrikat Sprache sein kann. Artistische Intensität. Wesentlichkeit. Via negationis: älter zu werden als 34 Jahre und ein paar Tage.

10. Wären Sie gern mit Kleist befreundet, wenn er noch lebte?

Jetzt ja. Als 233-Jähriger würde er sich allmählich der Altersmilde nähern. (Wäre natürlich ein Verlust.)

11. Das stärkste Zitat von oder über Kleist?

„Die Bestimmung“ (Phöbus-Epigramm).

„Ging ich
Durch eine Höllenfinsternis, als wäre
Der Tag zehntausend Klafter tief versunken,
Euch allen Teufeln, und den Auftrag gebend,
Den Weg nach Theben, und die Königsburg.“
(Amphitryon, II/1).

„Der Würfel, der entscheidet, liegt, er liegt:
Begreifen muß ich’s – – und dass ich verlor.“
(Penthesilea, 9. Auftritt)

„Steh, stehe fest, wie das Gewölbe steht,
Weil seiner Blöcke jeder stürzen will.“
(Penthesilea, 9. Auftritt)

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