Aktuelles


Internationale Jahrestagung der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft 2018 (in Kooperation mit der Deutschen Schillergesellschaft)

Kleist und Schiller: Auftritt der Moderne

Weitere Informationen und Tagungsprogramm hier.


Das Kleist-Jahrbuch 2018 ist erschienen.

Andrea Allerkamp, Günter Blamberger, Anne Fleig, Barbara Gribnitz, Hannah Lotte Lund und Martin Roussel (Hrsg.)

Im Auftrag des Vorstandes der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft und des Kleist-Museums.

Verlag: J.B. Metzler 

VI, 320 S., kartoniert, Preis: EUR 39,99, ISBN: ISBN 978-3-476-04667-3

(Mehr Informationen hier.)


Wir trauern um unseren langjährigen
Vorsitzenden und Ehrenpräsidenten


Prof. Dr. Hans Joachim Kreutzer


geboren am 21.2.1935 in Essen, gestorben am 19.7.2018 in München

Die Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft
gedenkt seiner in großer Dankbarkeit.


Für den Vorstand: Prof. Dr. G. Blamberger,
Prof. Dr. G. Brandstetter, G. Dunz-Wolff

Nachruf auf Hans Joachim Kreutzer

Der Auftakt war fulminant. Hans Joachim Kreutzers Dissertation Die dichterische Entwicklung Heinrichs von Kleist. Untersuchungen zu seinen Briefen und zu Chronologie und Aufbau seiner Werke (an der Deklination des Vornamens hielt er, historisch argumentierend, zeit seines Lebens standhaft fest), mit der er 1964 an der Universität Hamburg promoviert wurde, setzte Maßstäbe in gleich mehrfacher Hinsicht. Kreutzer arbeitete akribisch mit Handschriften und Drucken. Er datierte Briefe, die er erstmals konsequent als literarische Vorstufe der Dramen und Erzählungen Kleists deutete und damit in den Werkkomplex integrierte, und rekonstruierte die Werkchronologie, auf die sich die Forschung seitdem stützten konnte. Nicht minder verdienstvoll sind seine bahnbrechenden sprach- und bedeutungsgeschichtlichen Überlegungen, mit denen er zentrale Begriffe des Kleistschen Œuvres in ihrer historischen Semantik erschloss. So setzte er einer bis dahin oftmals raunenden existenzphilosophierenden Germanistik sein strenges methodisches Credo einer historisch-kritischen Philologie entgegen. Nach ihrer Erstveröffentlichung 1968 im Erich Schmidt Verlag liegt diese wegweisende Studie in einer neubearbeiteten Auflage vor, die 2009 als Band 2 der von Günther Emig herausgegebenen Heilbronner Kleist-Studien erschienen ist.

Nach seiner 1975 in Göttingen erfolgten Habilitation – die wissenschaftsgeschichtliche Habilitationsschrift Der Mythos vom Volksbuch. Studien zur Wirkungsgeschichte des frühen deutschen Romans seit der Romantik wurde 1977 bei Metzler publiziert – erhielt Kreutzer 1977 einen Ruf auf den neu gegründeten Lehrstuhl für Deutsche Philologie (Neuere deutsche Literaturwissenschaft) an der Universität Regensburg, an der er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2001 blieb. Seine Dissertation prädestinierte ihn für höhere Aufgaben auch in der Kleist-Gesellschaft. Von 1978 bis 1992 war er ihr Präsident, nachdem er bereits von 1976 bis 1978 als Stellvertreter des Präsidenten Wieland Schmidt amtierte. Diese Funktion des stellvertretenden Präsidenten übte er dann wieder von 1992 bis 1996 aus. 1985 bis 1996 war er Vorsitzender der Jury für den wiederbegründeten Kleist-Preis. Als Herausgeber des Kleist-Jahrbuchs zeichnete er von 1980 bis 1996 verantwortlich.

Kreutzer übernahm die Präsidentschaft in einer für die Kleist-Gesellschaft sowohl kulturpolitisch als auch finanziell schwierigen Zeit. Der Sitz der Gesellschaft in West-Berlin, wo zunächst auch alle Tagungen stattfanden, verwies bereits geographisch auf eine im doppelten Wortsinn geteilte Erinnerung an einen Dichter, der freilich in der DDR, gelinde gesagt, alles andere als unumstritten war. Die wechselnden Zuständigkeiten innerhalb der Berliner Senatsverwaltung erforderten Zähigkeit und Hartnäckigkeit, um die Gesellschaft in eine halbwegs gesicherte Zukunft zu führen. Am Ende von Kreutzers Amtszeit zählte die Kleist-Gesellschaft 490 Mitglieder. Die nahezu jährlich stattfindenden Tagungen sowie die Aufsätze, die aus ihnen hervorgingen und im Kleist-Jahrbuch veröffentlicht wurden, setzten neue Standards einer modernen kritischen Forschung, die auch über den Kreis von Spezialistinnen und Spezialisten hinaus ein interessiertes Publikum fand, nicht zuletzt unter Theaterleuten. Mit Regisseuren, Dramaturgen und Schauspielern suchte Kreutzer auch immer wieder gezielt das Gespräch. Dem Zusammenspiel der Künste, insbesondere jenem von Literatur und Musik, widmete er sich ohnehin mit viel Energie, großer Leidenschaft und enormer Kenntnis.

Zu den Sternstunden von Kreutzers Amtszeit als Präsident der Kleist-Gesellschaft zählte fraglos die Möglichkeit, die wiederaufgefundenen sogenannten „Berliner Handschriften“ samt der Sammlung Varnhagen in der Bibliothek der Jagiellonen Universität in Krakau einzusehen. Hier zahlte sich nicht zuletzt die konsequente Internationalisierung seiner Arbeit aus. Sein Lehrstuhl in Regensburg war stets eine Anlaufstelle für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt, für etablierte Gelehrte ebenso wie für Nachwuchskräfte, die er intensiv betreute. Im Fall der Kleist-Bestände in Krakau half ihm die damalige Direktorin des Germanistischen Instituts der Jagiellonen Universität, Olga Dobijanka-Witczakowa, die entscheidenden Hürden zu überwinden. Zu einer Zeit, als die Diskussion, ob die Handschriften in Krakau verbleiben oder nach Berlin „rückgeführt“ werden sollten, in der Bundesrepublik Deutschland nicht immer mit dem notwendigen Verständnis für die historischen Zusammenhänge sowie einem angemessenen politischen Feingefühl geführt wurde, war dies nicht selbstverständlich. Kreutzer zeichnete sich hier freilich durch eine politisch sensible Weit- und Umsicht aus, die ihm letztlich in Krakau rasch die Türen öffnete.

Die historische Präzision, die seine Dissertation sowie seine weiteren wissenschaftlichen Arbeiten auszeichnet, so z.B. auch seine 2011 erschienene konzise Einführung zu Leben und Werk Kleists in der Beck’schen Reihe Wissen, setzte Kreutzer als Herausgeber des Kleist-Jahrbuchs konsequent fort. Die vielbeschworene Interdisziplinarität, die allzu oft zur bloßen Worthülse verkommt, nahm Kreutzer beim Wort. Er setzte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlichster Disziplinen gezielt auf Sachverhalte an, über die die Literaturwissenschaft bis dahin entweder hinweggelesen oder sich aufgrund begrenzter Kompetenz, mit der sich jedes Fach notgedrungen begnügen muss, allenfalls floskelhaft geäußert hatte. Unter Kreutzers Ägide entwickelte sich das Kleist-Jahrbuch zu dem zentralen Organ einer modernen kritischen Forschung, die auf historische und philologische Genauigkeit verpflichtet wurde. Die Autorinnen und Autoren des Jahrbuchs deckten das Spektrum geistes- und sozialwissenschaftlicher Fächer in erheblichem Umfang ab, die Rechtswissenschaft sowie die Wissenschaftsgeschichte (der Naturwissenschaften) eingeschlossen. Die Beiträge des Kleist-Jahrbuchs setzen bis heute gültige Standards in der Auseinandersetzung mit den Werken des Dichters.

Einen glänzenden kulturellen und kulturpolitischen Erfolg erzielten Kreutzer und der damalige Vorstand zweifellos mit der Wiedereinführung des traditionsreichen Kleist-Preises. 1985 wurde der Preis, den die Nationalsozialisten abgeschafft hatten, erstmals wieder vergeben. Rasch gewann der Kleist-Preis ein Renommee, das jenem des Büchner-Preises kaum nachstand.

Aufgrund seiner großen Verdienste ernannte die Kleist-Gesellschaft Hans Joachim Kreutzer 1998 zu ihrem Ehrenpräsidenten. Es sei aber auch nicht verschwiegen, dass Kreutzer später aus der Gesellschaft austrat, weil er mit ihrem Kurs nicht mehr einverstanden war. Meinungsverschiedenheiten dieser Art gehören zum Tagesgeschäft. Was bleibt, sind die enormen Meriten, die sich Kreutzer um die moderne kritische Kleist-Forschung und um die Kleist-Gesellschaft erworben hat. Am 19. Juli 2018 ist der bedeutende Philologe Hans Joachim Kreutzer im Alter von 83 Jahren in München verstorben. 

Peter Philipp Riedl, Freiburg i.Br.


László Földényi verleiht den Kleist-Preis 2018 an Christoph Ransmayr

Der Kleist-Preis des Jahres 2018 geht an den Wiener Schriftsteller Christoph Ransmayr. Mit den drei großen Romanen Die Schrecken des Eises und der Finsternis (1984), Die letzte Welt (1988) und Morbus Kitahara (1995) gewann Christoph Ransmayr umgehend internationale Anerkennung. Sie entwerfen eine hintergründige Topographie, in der sich historische Orte mit mythischen Landschaften überlagern. Eine Expedition zum Nordpol, die Verbannung Ovids nach Tomi ans Schwarze Meer,  ein Kurort am Traunsee unter Besatzung nach 1945 werden zu Schauplätzen der Rückverwandlung von Kultur in Natur und des Rückfalls des Menschen in die Kreatur. Das Versepos Der fliegende Berg (2006) erzählt virtuos von zwei Brüdern, die den sagenumwobenen fliegenden Berg in Tibet besteigen. In Atlas eines ängstlichen Mannes (2012) zieht Ransmayr die Summe jahrzehntelangen Reisens in die entlegensten Gegenden dieser Erde. Jenseits jeglichen Exotismus reihen sich sprachlich kunstvoll präsentierte Detailbeobachtungen und alltägliche Begebenheiten aneinander und ergeben als Ganzes ein Bild der heutigen Welt, der globalisierten und zugleich enorm zerstreuten Kulturen. Der Roman Cox (2016) handelt von einem britischen Uhrmacher in China und ist erzählte Zeitphilosophie, entführt in ferne Zeiten und deren Muße und in die heutige Zeit. Er ist ein meisterhafter Versuch, zwischen Orient und Okzident zu vermitteln, und sei es auch nur, indem der Autor Grausamkeit und Autokratie hüben wie drüben vergleicht.  Christoph Ransmayrs riskante und stets wechselhafte Versuchsanordnungen des Schreibens, die seit Jahren vom S. Fischer-Verlag publiziert werden, wurden mit großem Recht bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Franz-Kafka-Preis (1995), dem Prix Aristeion (1996), dem Friedrich-Hölderlin-Preis (1998), dem Nestroy-Theaterpreis (2001), dem Böll-Preis (2007), dem Fontane-Preis (2014), dem Marieluise-Fleißer-Preis (2017) sowie dem Würth-Preis für Europäische Literatur (2018).

Der Kleist-Preis wird Christoph Ransmayr am 18. November 2018 in Berlin während einer Matinée im Deutschen Theater übergeben, die Ulrich Khuon und Ulrich Beck arrangieren werden. Die Laudatio hält der ungarische Kunsttheoretiker, Essayist, Literaturkritiker und Übersetzer László Földényi. Er hat – als von der Jury der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft gewählte Vertrauensperson – Christoph Ransmayr in alleiniger Verantwortung, der Tradition des Kleist-Preises gemäß, zum Preisträger des Jahres 2018 bestimmt. Die Jury des Kleist-Preises bestand diesmal aus Andrea Bartl (Universität Bamberg), Günter Blamberger (Universität zu Köln), Florian Borchmeyer (Dramaturg Schaubühne Berlin), Gabriele Brandstetter (Freie Universität Berlin), Florian Hoellerer (Literarisches Colloquium Berlin), Michael Maar (freier Autor Berlin) und Sigrid Weigel (Zentrum für Literaturforschung Berlin). 

Der Kleist-Preis ist mit 20.000 Euro dotiert. Das Preisgeld geben die Holtzbrinck Publishing Group, die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie die Ministerien für Wissenschaft, Forschung und Kultur der Länder Berlin und Brandenburg. Der Kleist-Preis hat eine lange Tradition. In den 10er und 20er des letzten Jahrhunderts wurden u.a. Hans Henny Jahnn, Bertolt Brecht, Robert Musil oder Anna Seghers ausgezeichnet. Nach der Wiederbegründung des Preises 1985 hießen die Preisträger u.a. Alexander Kluge, Thomas Brasch, Heiner Müller, Ernst Jandl, Monika Maron, Herta Müller, Hans Joachim Schädlich, Martin Mosebach, Gert Jonke, Daniel Kehlmann, Wilhelm Genazino, Arnold Stadler, Sibylle Lewitscharoff, Navid Kermani, Marcel Beyer, Monika Rinck oder Yoko Tawada.

Hanns Zischler verlieh Kleist-Preis 2017 an Ralf Rothmann

Fotos (c) Susanne Schleyer / Suhrkamp Verlag

Am 19. November 2017 wurde der Kleist-Preis 2017 feierlich vergeben. Preisträger war der Schriftsteller Ralf Rothmann, auf Vorschlag der Vertrauensperson Hanns ZischlerRalf Rothmann ist 1953 in Schleswig geboren, aufgewachsen in Oberhausen und seit 1976 in Berlin lebend. Rothmann absolvierte eine Maurerlehre, arbeitete als Fahrer, Koch, Drucker, Krankenpfleger und veröffentlicht seit den 80er Jahren Gedichtbände, Erzählungen und Romane im Suhrkamp-Verlag, die vielfach mit Preisen ausgezeichnet wurden – u.a. dem Wilhelm-Raabe-Preis, dem Heinrich-Böll-Preis, dem Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung oder dem Friedrich-Hölderlin-Preis. Rothmanns Literatur ist geprägt von autobiographischen Erfahrungen im Ruhrpott und in Berlin, sie kommt aus der Arbeiterschaft, aus dem Kiez, sie ist meisterhaft in ihren lakonischen Alltagsschilderungen und folgt einer Ästhetik des Humanen aus genuin christlicher Verantwortung. Exemplarisch bezeugen das Romane wie Milch und Kohle (2000), Junges Licht  (2004), Feuer brennt nicht (2009) sowie zuletzt Im Frühling sterben (2015), dessen eindringliche Kriegsschilderung die Rezensentin der NZZ, Beatrice von Matt, an Bilder Goyas und an Kleists Poetologie der Unausweichlichkeit erinnerte.

Das Grußwort sprach der Präsident der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft, Prof. Dr. Günter Blamberger. Ulrich Matthes las aus dem Werk Rothmanns und Heinrich von Kleists.
Musikalisch begleitet wurde die Veranstaltung von Markus Krusche. Die Verleihung fand im Deutschen Theater Berlin statt.

Der Kleist-Preis ist mit 20.000 Euro dotiert. Das Preisgeld geben die Holtzbrinck Publishing Group, die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie die Ministerien für Wissenschaft, Forschung und Kultur der Länder Berlin und Brandenburg. Der Kleist-Preis hat eine lange Tradition. In den 10er und 20er des letzten Jahrhunderts wurden u.a. Hans Henny Jahnn, Bertolt Brecht, Robert Musil oder Anna Seghers ausgezeichnet. Nach der Wiederbegründung des Preises 1985 hießen die Preisträger u.a. Alexander Kluge, Thomas Brasch, Heiner Müller, Ernst Jandl, Monika Maron, Herta Müller, Hans Joachim Schädlich, Martin Mosebach, Gert Jonke, Daniel Kehlmann, Wilhelm Genazino, Arnold Stadler, Sibylle Lewitscharoff, Navid Kermani, Marcel Beyer, Monika Rinck und zuletzt Yoko Tawada.

Bilder von der Verleihung des Kleist-Preises 2017 an Ralf Rothmann

Ralf Rothmann, Hanns Zischler, Günter Blamberger
Foto (c) Susanne Schleyer / Suhrkamp Verlag
Ulrich Matthes
Foto (c) Susanne Schleyer / Suhrkamp Verlag
Markus Krusche, Ulrich Matthes
Foto (c) Susanne Schleyer / Suhrkamp Verlag
Empfang nach Kleist-Preis-Verleihung
Foto (c) Susanne Schleyer / Suhrkamp Verlag

Günter Blamberger: Zwischen Verzweiflung und Verantwortung

Foto (c) Susanne Schleyer / Suhrkamp Verlag

Rede des Präsidenten der Kleist-Gesellschaft Prof. Günter Blamberger zur Verleihung des Kleist-Preises an Ralf Rothmann, Deutsches Theater Berlin, 19.11.2017

Liebe Mitglieder und Freunde der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft, sehr geehrter Herr Staatssekretär Wöhlert, liebe Frau Unseld-Berkéwicz, lieber Herr Khuon, lieber Herr Beck und Frau Wulff, lieber Herr Zischler, lieber und heute zu ehrender Herr Rothmann,

das Versäumen einer barmherzigen Handlung galt im Mittelalter noch als Schuld, als Zeichen einer Abwendung von Gott, einer Aufgabe des Gottesbezuges zugunsten des Selbstbezuges, von der man zwei Seiten kannte. Die passive Form: die Trägheit aus Verzweiflung und Zweifel an einer sinnvollen Weltordnung, und die aktive Form: den Zorn. Acedia hieß die eine, Ira die andere, und beide galten nicht als lässliche und verzeihliche, sondern als Todsünden. Im Zorn, aus enttäuschtem Rechtsbegehren, wendet sich Kleists Kohlhaas vom Guten ab. Um der Rache willen versäumt er die Sorge um seine Familie, bis seine Frau Lisbeth auf dem Totenbett liegt, und vergeht sich danach grausam gegen Schuldige wie Unschuldige, unfähig seinen Feinden zu vergeben, wie Luther ihm vorwirft.Kleist ist in Zweifel und Verzweiflung eher ein Spezialist für den Zorn, für Hyperbolik und abgründige Wortspiele, Rothmann in der Anklage eher ein Spezialist für den Zweifel und die Verzweiflung in aller Lakonie. Das Versäumen einer barmherzigen Handlung kommt scheinbar belangloser daher, wie im Falle der Erzählung Gethsemane, in der ein Mann ins Berliner Prinzenbad geht, um seinen täglichen Morgenkilometer zu schwimmen. Das Becken wird noch gesäubert, er muss warten und weiß zugleich, dass seine Lebensgefährtin todkrank in der Klinik nebenan liegt und er nicht zu spät kommen darf,  um ihr in ihren letzten Stunden beizustehen. Trotzdem schwimmt er, und als er endlich in die Klinik kommt, ist das Bett seiner Freundin leer. So grausam wie banal ist das, und so schmerzlich wahr. Von Schuld ist in dieser Erzählung explizit nicht die Rede, von der Spannung zum Absoluten implizit durch den biblischen Titel Gethsemane, der an das Verhalten der Jünger erinnert, die Jesus in seiner Todesangst im Garten Gethsemane allein ließen, weil sie einschliefen, statt mit ihrem Herrn zu beten. Offen bleibt, ob diese Anspielung den zögerlichen Schwimmer entschuldigt, ob der Leser dessen Gleichgültigkeit als allzumenschliche erkennen und mit ihm auf Vergebung hoffen darf. 

(Vollständiger Redetext ...)


Neues Kleist-Jahrbuch 2017 erschienen

Das  "Kleist-Jahrbuch 2017" dokumentiert die Verleihung des Kleist-Preises 2016 mit den Reden der Preisträgerin Yoko Tawada, der Vertrauensperson der Jury Ulrike Ottinger und des Präsidenten der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft Günter Blamberger. Mehr hier ...


Kleists Shakespeare - Internationale Jahrestagung der
Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft

Vorm 17.–19. November 2016 fand im Berliner LCB die internationale Jahrestagung zu Kleists Shakespeare statt.

Organisiert wurde sie von der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft. Die Tagung fand im Literarischen Colloquium Berlin statt, unweit Kleists Grab am Wannsee. Es sprachen renommierte Kleist- und Shakespeare-Forscher zum Verhältnis der beiden Dichter, etwa die Präsidentin der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft Prof. Dr. Claudia Olk, der Erste Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft Prof. Dr. Christian Moser, und namhafte Experten wie etwa Prof. Dr. David Wellbery (Chicago), Prof. Dr. Anne Fleig (Berlin), Prof. Dr. Justus Fetscher (Mannheim) oder PD Dr. Michael Ott (Konstanz). Im Zentrum stand besonders das Interesse an Kleist Stück Familie Schroffenstein (1803), das der Autor als Kontrafaktur von Romeo and Juliet (1597) konzipierte. Weitere Themenfelder des Vergleichs war die sprachliche Gestaltung der Texte, die Problematisierung von Recht und Macht, Konfigurationen von queerness oder auch die Verwendung von Komik. Dies rückte auch andere Werke beider Autoren in Vordergrund, etwa das Käthchen von Heilbronn, Prinz Friedrich von Homburg, Amphityron, Michael Kohlhaas, Othello, Measure for Measure, Hamlet und The Merchant of Venice. Die Tagung war mit bis zu 75 Gästen reich besucht. Die Veranstaltung wurde organisiert von Prof. Blamberger und seinem Assistenten, Dr. Björn Moll.

Kleists Shakespeare – Jahrestagung 2016 © Foto: Martin Roussel

Weitere Informationen zum Programm finden Sie hier.





Die Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft ist eine internationale literarische und wissenschaftliche Vereinigung. Sie sieht ihre Aufgabe darin, das Werk und Leben Kleists durch wissenschaftliche Tagungen und Veröffentlichungen zu erschließen und die in der Gegenwart fortwirkenden Einflüsse seiner Dichtung durch künstlerische, insbesondere literarische Veranstaltungen für eine breitere Öffentlichkeit zu fördern. Die Gesellschaft wurde am 5. Mai 1960 gegründet. Ihr Vereinssitz ist Berlin.